Die demographische Zeitenwende
von
Herwig Birg

Einen Lehrstuhl für Demografie sucht man an deutschen Universitäten in aller Regel vergebens. Gerade einmal vier Stück davon hat die gesamte deutsche Hochschullandschaft zu bieten. Gemessen an der Bedeutung, die das Fach verdiente, ein hochschul- und wissenschaftspolitisches Armutszeugnis. Was will man auch erwarten von einer Politik, die die Vokabel vom "Generationenvertrag" zwar fortwährend im Munde führt, sich um die Voraussetzungen einer soliden Statik eines solchen Vertrages aber nicht schert. Nachhaltig tragfähig nämlich kann das, was heute gemeinhin als Generationenvertrag gilt, überhaupt nicht sein, weil dazu statt nur der Versorgungsbeziehungen von zwei Generationen, nämlich der mittleren (erwerbstätigen) und der älteren (nicht mehr erwerbstätigen) Generation, diejenigen von drei Generationen zu berücksichtigen wären.
Auf die Problematik des Zwei- beziehungsweise des Dreigenerationenvertrages geht Herwig Birg, einer der vier deutschen Ordinarien für Demografie, in seiner bedrückenden Studie über Die demographische Zeitenwende nicht explizit ein. Aber er zeigt anhand der nicht wegzudiskutierenden demografischen Fakten, welche gesellschaftlichen Verwerfungen uns infolge der bevölkerungspolitischen Ignoranz der letzten Jahrzehnte unmittelbar bevorstehen. Das Problem dabei ist nicht, dass in 50 Jahren die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland (wie die der meisten übrigen Länder der Europäischen Union) zu mehr als einem Drittel aus Zuwanderern und deren Nachfahren bestehen wird. Weit schwerer wiegt die sich dramatisch verschiebende -- und durch Zuwanderung auch nicht aufzuhaltende -- Altersverteilung.
Vor allem für die sozialen Sicherungssysteme, die gesetzliche Kranken- und Rentenversicherung sind die Folgen dramatisch und lassen einen sich zuspitzenden Konflikt zwischen Jungen und Alten befürchten. Zuspitzen wird sich in Zukunft aber vor allem auch der Konflikt zwischen denen, die Kinder aufziehen, und denen, die kinderlos im selben Umfang dieselben Sicherungssysteme in Anspruch nehmen wollen. Dass wir unter den groben Fehlern der Sozial-, Finanz-, Familien- und Bevölkerungspolitik erheblich zu leiden haben werden, daran kann der aufmerksame Leser nach der Lektüre dieses Buches kaum mehr ernsthaft Zweifel hegen.

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